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Artikel im Tagesspiegel

Die Wutbürger vom Mehringplatz

Da macht Carmen Schucker, eine junge Journalistin, eine Reise durch Berlins Szenebezirk Kreuzberg und beschreibt ihre persönlichen Eindrücke im TAGESSPIEGEL (www.tagesspiegel.de) und schon fällt eine kleine Gruppe aus der Entourage des Quartiersmanagement (QM) Mehringplatz über sie her.

Was diese Leute erzürnt, ist die Tatsache, dass Schucker nicht auf die zwei Dutzend Bewohner eingeht, die sich im Mehringkiez ehrenamtlich engagieren. Doch darum geht es gar nicht in diesem Artikel. Schucker beschreibt nur ihren persönlichen Eindruck, den sie bei einem Rundgang am Mehringplatz bekam. Hier findet man eben nicht das bunte, schrille, lebendige Kreuzberg, das in ganz Deutschland berühmt ist. Hier herrschen tote Hose und Tristesse. Und das kann keine Schönrederei wegleugnen.

Ein am Mehringplatz praktizierender Arzt fasste es so zusammen: "Direkt betroffen durch trostloses Umfeld. Wohne und betreibe meine Praxis hier. Das Quartier des QM wirkt wie der Mittelpunkt eines toten Platzes, dem einige Gewerbetreibende verzweifelt versuchen Leben einzuhauchen." Und als der Grünen-Politiker Christian Ströbele Ende 2012 den Mehringkiez besuchte, war sein erster Satz: „Das sieht ja ganz schön trostlos aus bei euch.“ Eine ähnliche Einschätzung höre ich leider sehr oft von Besuchern und Touristen.

Am Mehringplatz haben sich viele versündigt: korrupte Politiker und Bauunternehmer, unfähige Städteplaner, die landeseigene GEWOBAG durch ihre verfehlte Vermietungspolitik, selbstgefällige Funktionäre der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, eine gierige Sozialindustrie, ein nicht minder gieriges Quartiersmanagement (QM) und ein von politischen Interessen geleiteter Kreuzberger Bezirksbürgermeister.

Fehlende finanzielle Mittel sind sicher nicht Schuld an der Misere. Das Quartier Mehringplatz profitiert seit über acht Jahren vom Programm SOZIALE STADT. An die 3 Millionen Euro flossen aus den Fördertöpfen. Das vom privaten Kunstwelt e.V. gegründete Quartiersmanagement, das die Fördermillionen sinnvoll verteilen soll, verdient sich dabei eine goldene Nase. Es kassiert nur für seine Verwaltung fast eine Viertelmillion Euro pro Jahr – ohne Büromiete. Die Fördergelder, die die Situation im „sozialen Brennpunkt“ Mehringplatz nachhaltig verbessern sollten, wurden hauptsächlich nach Gusto des unbeliebten QM und des damaligen Kreuzberger Bürgermeisters Franz Schulz ausgegeben. Schulz nutzte die Fördertöpfe in erster Linie, um seinen maroden Bezirkshaushalt zu entlasten.

Die Ladenzeile der GEWOBAG wurde großzügig an Sozialvereine „vermietet“, die sich hauptsächlich hier niederließen, um an die Fördermillionen aus dem Programm „Soziale Stadt“ ranzukommen. Deren schmutzige Schaufenster geben den Blick auf eine hässliche, ungepflegte Inneneinrichtung frei. Rühmliche Ausnahme ist die Boutique MadaMe, die bunte Bastelarbeiten anbietet und mit ihrem angeschlossenen Café für Leben und Licht sorgt. Und natürlich der gepflegte Optikerladen, der hervorragenden Service und topmoderne Brillen anbietet.

Es ist unfassbar, dass es trotz Fördermillionen aus dem Programm „Soziale Stadt“ am Mehringplatz nicht aufwärts geht. In den letzten acht Jahren wurde fast nichts in die Verschönerung des tristen, farblosen Wohnumfelds gesteckt. Da ist es kein Wunder, dass sich die Bewohner nicht mit diesem Kiez identifizieren wollen und die frustrierten Jugendlichen mit Zerstörungswut reagieren. Nach dem Motto: Mach kaputt, was dich kaputt macht.

Natürlich kann man sich weiterhin in die Tasche lügen und alles schönreden. Es stimmt, dass sich einige Bewohner uneigennützig engagieren, aber es hat bisher leider wenig gebracht. Der Karren steckt einfach zu tief im Dreck.

Eine Lösung wäre, das teure, ineffiziente Quartiersmanagement aufzulösen und die Fördergelder einem 30-köpfigen Gremium, bestehend aus uneigennützigen Bewohnern und Gewerbetreibenden, sowie unabhängigen Beratern, die kein Stimmrecht haben, anzuvertrauen. Sonst sieht die Zukunft des Mehringplatzes schwarz aus. Nur die Bürger selbst können etwas verändern, weil sie besser wissen, was gut für sie ist als ein profitorientiertes Quartiersmanagement, engstirnige Funktionäre oder realitätsfremde Politiker. Die Verantwortlichen sollten endlich den Mut haben, die Marschrichtung und die angewandten Methoden zu hinterfragen und entsprechend zu ändern.

Lügen wir uns doch nicht in die Tasche! Die vielen realisierten, oft völlig überteuerten Projekte haben sich als nicht hilfreich und wenig effektiv herausgestellt. Verbissene Durchhalteparolen und ein stures "Weiter so!" bringen uns keinen Schritt voran.

Auch die trotzige Devise „Zurück zu einem der schönsten Plätze Berlins“ ist vollkommen realitätsfremd. Um den Mehringplatz – ex Belle-Alliance-Platz – wieder so attraktiv wie früher aussehen zu lassen, müsste man erst einige hässliche Hochhäuser sprengen und das wird mit ziemlicher Sicherheit nicht geschehen. Also, orientieren wir uns an der Wirklichkeit und versuchen wir das Beste daraus zu machen.

So schön wie im Jahr 1935 wird der Mehringplatz nie wieder aussehen: