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Monika Herrmann am Mehringplatz

Ein Trauerspiel in fünf Akten

Prolog:

Monika Herrmann, Bezirksbürgermeisterin (BBM) von Friedrichshain-Kreuzberg, folgt unserer Einladung, am 18. März, 19 Uhr, mit den Bewohnern und Gewerbetreibenden über die Probleme des Quartiers Mehringplatz zu diskutieren.

Ein Saal in der nahen Galilei-Grundschule ist reserviert. Einladungsplakate werden gedruckt, um in den umliegenden Häusern ausgehängt zu werden. Die private Wohnbaugesellschaft EB Group gibt sofort die Erlaubnis dazu, die landeseigene GEWOBAG zieht es vor, zu mauern und gar nicht zu antworten.

Candy Hartmann, die Büroleiterin des Quartiersmanagement (QM) Mehringplatz reagiert wie ein kleines, trotziges Kind und reißt unser Einladungsplakat von der Litfaßsäule vor dem QM-Büro. Sie wagt es offenbar nicht, das Plakat wegzuwerfen und klebt es an den untersten Rand der Rückseite der Säule. Eigeninitiative der Bewohner ja, aber nur mit Erlaubnis des QM Mehringplatz. Sind wir im Kindergarten?

      Rot umrandete Einladung unten rechts: kindische QM-Aktion

Ich sehe mir das Publikum an und muss grinsen. Das QM ist da und hat seine kleine Fangemeinde mitgebracht und zur besonderen Unterstützung seine Vorgesetzten in der Senatsverwaltung und im Bezirksamt. Dass die deutschstämmigen QM-lerinnen Probleme mit Orthographie und Stil der deutschen Sprache haben, ist bekannt. Aber offenbar sind sie auch des Lesens nicht mächtig. In der Einladung stand klar und deutlich: Eingeladen sind alle Bewohner und Gewerbetreibenden. Der wichtigtuerische Ralf Hirsch von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gehört definitiv nicht dazu, war aber anwesend. Auch die in Reihe 10 sitzende QM-Koordinatorin des Bezirksamts Birgit Berneking war nicht eingeladen. Und schon gar nicht die außerhalb des Gebiets Mehringplatz wohnenden QM-Mitarbeiter. Kristijana Penava, die clevere QM-Geschäftsführerin und Anwältin ohne Büro, fühlte sich merkwürdigerweise auch eingeladen. Genau genommen gehören auch nicht die Leute der KMA zu den Eingeladenen.

1. Akt:

BBM Herrmann trifft mit einiger Verspätung ein. Ich begrüße sie kurz und - davon ausgehend, dass sie jeder kennt (stand ja auch in der Einladung) – starte ich die Veranstaltung. Protest aus den hinteren Reihen, die eine offizielle Vorstellung der BBM verlangen. Na gut. Auf Bitten von Monika Glaser, Herrmanns Referentin, versuche ich zu erklären, warum nur 99 Prozent der Bewohner eine Einladung bekommen haben, werde aber nach kritischen Worten über das kindische Verhalten des QM unterbrochen. In diesem Moment treffe ich die Entscheidung, unsere nächste Versammlung in einer privaten Location abzuhalten, wo wir unzensiert Informationen austauschen können.

Vielleicht wäre es besser gewesen, die Veranstaltung in diesem Moment für beendet zu erklären – die Bewohner hätten sich viele unverschämte Unterstellungen und Aggressionen, die danach kamen, erspart.

2. Akt:

Thomas B., ein Kiezbewohner, schwer lungenkrank, und sein Kompagnon beschweren sich im Namen einiger anderer Bewohner darüber, dass die beiden am Blücherplatz stattfindenden Straßenfeste stets mit unerträglicher Lärmbelästigung verbunden sind. Während des viertägigen Karneval der Kulturen und dem dreitägigen Straßenfest gegen Rassismus lärmen Betrunkene bis tief in die Nacht und benutzen den Mehringplatz als öffentliches Urinal.

Nun beginnt eine Diskussion, die vollkommen unsachlich ist und am eigentlichen Thema vorbeigeht. Herrmann belehrt die beiden Beschwerdeführer, wie wichtig doch die Themen Kulturvielfalt und Antirassismus seien. Die QM-Fangemeinde zollt geflissentlich Beifall und merkt gar nicht, dass es gar nicht um das Motto oder Anliegen der Festveranstalter geht, sondern um die unangenehmen Begleiterscheinungen dieser Feste. Es ist doch egal, ob die Veranstalter Karnevalisten, Antirassisten oder Marsmenschen sind – es gibt Anwohner, deren Gesundheit durch die Nachwirkungen der Straßenparty stark leidet. Anstatt diese Menschen mit oberlehrerhaften Erklärungen als unsoziale Spaßverderber hinzustellen, hätte Herrmann sie ernstnehmen sollen und versuchen, eine Lösung zu finden.

Jede Kleinstadt und jedes Dorf in Deutschland hat eine „Festwiese“, die außerhalb des Wohngebiets liegt. Es kann doch nicht so schwierig sein, so etwas in Kreuzberg zu finden. Eine ideale Party Location wäre der Park am Gleisdreieck. Da veranstaltet auch radio1 jedes Jahr eine Fete, zu der viele Leute kommen. Dort können die Teilnehmer tanzen, saufen, schreien und pinkeln bis zum Morgengrauen, ohne jemanden zu stören. Aber es ist eben einfacher, die Beschwerdeführer zu verunglimpfen als tatkräftig nach einer Lösung zu suchen.

3. Akt:

Reizthema Asbest. Ich berichte über das skandalöse Verhalten der GEWOBAG gegenüber betroffenen Mietern, denen zwölf Jahre lang verschwiegen wurde, dass ihre Bodenplatten Asbest enthalten. Zwei Migranten berichten über ihre Erfahrungen. Nun meldet sich eine anwesende GEWOBAG-Mieterbeirätin zu Wort. Sie benutzt das gleiche verharmlosende Vokabular wie die GEWOBAG und spricht von ungerechtfertigter Hysterie der betroffenen Mieter. Ein anwesender Quartiersrat, Deutschlehrer von Beruf, belehrt die Betroffenen über die angebliche Ungefährlichkeit von fest gebundenem Asbest, nicht wissend, dass viele Mieter seit Jahren mit gebrochenen und losen Bodenplatten leben. Herrmann verspricht, einen Brief an die GEWOBAG zu schicken. Wir haben aber bereits den Senator für Stadtentwicklung eingeschaltet und konnten dadurch einige Teilerfolge verbuchen. Als sich eine türkischstämmige Mieterin, die wegen zahlreicher kaputter Asbestplatten seit acht Monaten auf einer Baustelle wohnt, zu Wort meldet, wird Herrmann sauer. Sie kritisiert, dass ihr plötzlich eine „Zeugin gegen die GEWOBAG“ präsentiert wird. Die Mieterin hat eigentlich nur ihr Rederecht in Anspruch genommen. Die Atmosphäre wird immer unangenehmer und aggressiver.

4. Akt:

Vor vier Jahren hat das QM Mehringplatz eine Gruppe von Alkoholikern und Drogensüchtigen vor den Türen der Häuser Mehringplatz 32 bis 36 angesiedelt – natürlich ohne Rücksprache mit den dortigen Bewohnern. Willkür ist eine der herausragenden Eigenschaften des QM Mehringplatz. Um sicher zu sein, dass diese Leute auch dableiben, ließ das QM mehrere Bänke und zwei hässliche Regenunterstände aufstellen. Die GEWOBAG spendierte ein mobiles WC. Diese immer größer werdende Gruppe von Junkies, Drogenhändlern, Alkoholikern und deren Hunden wurde zum jahrelangen Alptraum der Bewohner. Anhaltendes Gegröle, Hundegebell, Schlägereien, Messerstechereien, Beschimpfungen („Ihr Scheißkanaken“) vermiesen den Bewohnern und ihren Kindern das Leben. Die Luftgeschosse und Treppenhäuser werden als Urinal zweckentfremdet, benutzte Spritzen liegen im Kellerbereich und in den Kindersandkästen. Diese Situation wird nun der Bezirksbürgermeisterin geschildert. Die Nerven liegen blank.

Wenn die betroffenen Bewohner nun Mitgefühl oder gar Lösungsvorschläge erwartet haben, werden sie bitter enttäuscht. Stattdessen wird ihnen in schulmeisterlichem Ton erklärt, dass diese Leute „arme Suchtkranke“ sind, die in ihrem Leben kein Glück hatten und deshalb nicht „verdrängt“ werden dürfen. Dass die kinderreichen migrantischen Familien verzweifelt nach einer neuen Wohnung suchen – also verdrängt werden – scheint hinnehmbarer Kollateralschaden für Herrmann zu sein. Ein älterer Herr – langjähriger Mieter am Mehringplatz – kritisiert die fehlende Unterstützung des Bezirksamts und fragt, wie die Grünen auf diese Weise erwarten könnten, dass man sie wählt. Herrmann schnippisch: „Die haben Sie eh nie gewählt.“

Nun ergreifen die „Gutmenschen“, die weit weg vom „Tatort“ wohnen, das Wort und wenden sich moralisierend und verständnislos an die unsozialen, herzlosen Bewohner des Mehringplatzes. Es ist immer wieder erstaunlich, wie manche Leute – trotz totaler Unkenntnis der Vorgeschichte – meinen, kluge Ratschläge erteilen zu müssen. Unsere Verhandlungen mit dem Grünflächenamt wurden immer wieder vom QM Mehringplatz torpediert, indem es das Projekt stur als erfolgreich beendet erklärte. Endlose Sitzungen mit dem damaligen Bezirksbürgermeister Schulz, dem Stadtrat für Soziales Mildner-Spindler, dem GEWOBAG-Topmanagement brachten die Bewohner keinen Schritt weiter. Mildner-Spindler hat als Stadtrat für Soziales total versagt. Die Alkoholiker/Junkies werden etwas abseits des Mehringplatzes seit vier Jahren ihrem Schicksal überlassen – nach dem Motto sauft und spritzt euch zu Tode, aber bitte da, wo euch die Touristen nicht sehen können. Vor einigen Monaten starb ein Mitglied dieser Gruppe – eine 38-jährige Frau – an einer Mischung aus Alkohol und Drogen.

5. Akt

Hans Panhoff ist mittlerweile eingetroffen. Als Stadtrat für Immobilien, Stadtentwicklung und Grünflächen ist er u.a. für den unsäglichen „Pfad der Visionäre“ in der Fußgängerzone nördlich des Mehringplatzes zuständig, der aus circa 30 Bodenplatten besteht und stolze 320.000 Euro kosten soll. Die Kommission für Kunst im öffentlichen Raum kann bei dem Projekt von Bonger Voges keinerlei künstlerischen Wert erkennen und hält es deshalb für nicht förderwürdig. Die Kommissionsmitglieder kritisieren ebenfalls, dass sich das Projekt zwar als sozio-kulturell definiere, es aber tatsächlich nicht sei. Trotzdem will Panhoff den „Pfad der Visionäre“ so schnell wie möglich realisieren lassen. Er könne doch seinen Parteifreund Franz Schulz nicht vor den Kopf stoßen, der den Pfad angeblich befürwortet habe. Auf die Frage, ob er mal in Erwägung gezogen habe, die Bewohner und Gewerbetreibenden des Mehringkiezes darüber abstimmen zu lassen, antwortet er kurz: „Nein, dafür sah ich keine Veranlassung“.

Epilog

Das war dann der krönende Abschluss eines Abends, an dem wieder einmal klar wurde, dass die Politiker zwar gerne von Bürgerbeteiligung schwadronieren, sich aber in Wirklichkeit einen feuchten Dreck darum scheren, was die Menschen wirklich wollen oder brauchen. Leider machen auch die Grünen letztendlich nur Klientelpolitik. Die Quittung dafür erhielten sie bei der letzten Bundestagswahl. Nun sitzen sie in einer Miniopposition und stellen nur noch einen Bezirksbürgermeister in Berlin.

M. Boé