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Die Globale & Co

Der Mehringplatz - das Eldorado der Sozialindustrie

Gut die Hälfte der GEWOBAG-Ladenflächen im äußeren Ring des Mehringplatzes ist von Sozialvereinen belegt. Wenn man durch die großen Schaufenster ins Innere blickt, sieht man billiges Mobiliar, verkümmerte Pflanzen, graue Getränkekisten, Kitsch, Ramsch und milchig zugekleisterte Scheiben. Vom ausgerufenen Ziel „Zurück zu einem der schönsten Plätze Berlins“ sind wir Lichtjahre entfernt.

Ich wohne seit fast zehn Jahren am Mehringplatz und sah die Sozialvereine kommen und gehen. Der prall gefüllte Fördertopf aus dem Programm SOZIALE STADT und der Jackpot aus dem Sanierungsprogramm wecken natürlich Begehrlichkeiten. Sobald die Geldquelle versiegt, sind die Sozialvereine aber wieder weg. So verschwand der Verein Kita-Freundschaft - nachdem er vom QM reichlich Fördergelder abgeschöpft hatte - bei Nacht und Nebel, ohne eine Nachsendeadresse zu hinterlassen. Im Briefkasten häuften sich Rechnungen und Mahnungen.

Ein Antrittsbesuch beim Quartiersmanagement (QM) Mehringplatz genügt und schon fließt das Geld. Viele der Kurse, die von den Sozialvereinen mit hochtrabenden Beschreibungen angeboten werden, sind ihr Geld nicht wert, werden dilettantisch umgesetzt und sind kaum von Nutzen für die Bewohner und Gewerbetreibenden des Quartiers Mehringplatz. Leider haben weder die Quartiersmanager noch deren Vorgesetzte in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und im Kreuzberger Bezirksamt die Kompetenz, sinnlose, überteuerte Projekte zu erkennen. Die Projektdurchführung wird weder vom QM noch von der Senatsverwaltung noch vom Bezirksamt überprüft.

So konnte der Sozialverein Vielfalt e.V. mühelos über 100.000 Euro Fördergelder für sein Projekt „Elterncafé“ kassieren, ohne dass dem QM Mehringplatz auffiel, dass das „Café“ in einer zugigen, lauten Ecke im weitläufigen Eingangsbereich der Galilei-Grundschule stattfand, wo es nicht einmal einen Tisch gab. So war es nicht verwunderlich, dass kaum Eltern kamen.

Vor einigen Monaten präsentierte nun Die Globale e.V. dem QM Mehringplatz ihr Projekt „Nachbarschaftsbeauftragte“. Dafür stellte Karin Lücker, Vorstand des Vereins Die Globale, im Januar 2015 die Sozialpädagogin Rian Simmet ein. Laut QM soll Simmet „Ansprechpartnerin für die Anliegen, Sorgen, Vorschläge und Ideen der Anwohnerschaft rund um Fragen des Zusammenlebens im Mehringplatz Quartier sein." Sie soll immer montags von 11:00 bis 13:00 Uhr und mittwochs von 16:00 bis 18:00 Uhr im Café MadaMe eine kostenlose Beratung anbieten.

Die Funktion der Nachbarschaftsbeauftragten kostet den Steuerzahler 18.000 Euro im Jahr. Wenn man zwei Monate für Feiertage und Ferien abzieht, sind das 1.800 Euro pro Monat - und das bei einer 21-Stunden-Woche! Anstatt erst einmal einige Monate zu warten, um zu sehen, ob dieses Projekt von der Bewohnerschaft überhaupt angenommen wird, wurde der Vertrag gleich für zwei Jahre festgelegt. Mit insgesamt 36.000 Euro wird der Steuerzahler zur Kasse gebeten.

Wie so oft hat es das QM Mehringplatz versäumt, alle Haushalte im QM-Gebiet von der Existenz einer Nachbarschaftsbeauftragten zu informieren. Die sieben Teilnehmer der Kiezrunde erfuhren davon „schon“ Mitte Februar. Zur Vorstellung von Rian Simmet im Café MadaMe kamen nur elf Bewohner. Dass das nicht reicht, hätten sich QM und Lücker denken können, da ihre Locations zu klein für die über 2.000 erwachsenen Kiezbewohner sind.

Erst mit dem QM-Info-Blatt von Mitte März erfuhren die Leute von Rian Simmet. Davor hatte ich Lücker mehrmals aber erfolglos gedrängt, entsprechende Plakate in den Treppenhäusern anzubringen. Nun ist Simmet seit fast drei Monaten im Dienst, ohne ihrer eigentlichen Aufgabe als Beraterin nachzugehen.

Wie schon bei Kursangeboten zur Verbesserung der Motorik von Kleinkindern gibt es auch hier wieder eine Doppelfinanzierung. Der am Mehringplatz ansässige Vielfalt e.V. bietet nämlich schon seit einigen Jahren mehrsprachige sozialpädagogische Dienste an.

Rian Simmet ist leider keine optimale Wahl und zwar aus mehreren Gründen:

-  Sie ist Deutsche und spricht weder Türkisch noch Arabisch noch Russisch, was bei einer Bewohnerschaft mit hohem Migrantenanteil problematisch ist.

-  Die Einarbeitungszeit kann lang und teuer werden. Simmet wohnt nicht im Gebiet Mehringplatz, kennt niemanden hier und wird viele Monate brauchen, um das Vertrauen der Bewohner mit Migrationshintergrund zu gewinnen - sofern ihr dies überhaupt gelingen wird.

-  Simmet hält ihre Sprechstunden nicht ein. Laut Ankündigung des QM hat sie immer mittwochs von 16:00 bis 18:00 Uhr Sprechstunde. Als ich am Mittwoch, dem 11.3., und Mittwoch, dem 18.3., um 16:00 Uhr zur Sprechstunde kommen wollte, war sie nicht da. Sie war laut Auskunft von Kolleginnen bereits um 15:00 Uhr nach Hause gegangen.  

Als ich Karin Lücker fragte, wieso die Sprechstunden der Nachbarschaftsbeauftragten nicht eingehalten werden, war sie überrascht, sagte jedoch schnell: „Ach ja, Frau Simmet war erkältet und ist deswegen früher nach Hause gegangen.“ Die Ärmste wird wohl regelmäßig vom gefürchteten Mittwoch-Virus befallen. Als ich vorschlug, in so einem Fall wenigstens einen Zettel mit der Aufschrift „Sprechstunde fällt wegen Krankheit leider aus“ an die Eingangstür zu kleben, sah mich Lücker entgeistert an und sagte: „Wieso soll sie denn da einen Zettel hinhängen?“ Na dann …

M. Boé